QUELLE: https://www.waz.de/lokales/gelsenkirchen/article411338599/derb-und-grotesk-diese-komoedie-trifft-gelsenkirchener-wandel-dennoch-punktgenau.html (Von Elisabeth Höving)
Derb und grotesk: Diese Komödie trifft Gelsenkirchener Wandel dennoch punktgenau
Herrlicher Spaß mit wahrem Kern und politischen Anspielungen: „Die Bekloppten“ führen Herbert Knorrs „Der Jupp muss wech“ in Gelsenkirchen auf.
Das Ensemble "Die Bekloppten" präsentiert das Stück "Der Jupp muss wech" in der Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen
Herrlich abgedreht präsentierte das Ensemble „Die Bekloppten" Herbert Knorrs Komödie „Der Jupp muss wech" in der Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen.
Was für ein Zirkus! Martha Kowalski hat kurz vor ihrer Goldenen Hochzeit die Nase endgültig voll von ihrem Gatten, dem langweiligen Bergbau-Nostalgiker und Steh-Pinkler, und beschließt: „Der Jupp muss wech!“ Die gleichnamige Komödie aus der Feder von Herbert Knorr geriet am Freitagabend auf der Bühne der ausverkauften Heilig-Kreuz-Kirche zu einem abgedrehten theatralischen und musikalischen Spektakel. „Das wird richtig bekloppt“, versprach zuvor der Gelsenkirchener Krimi-Autor über seine groteske Revier-Posse. Er sollte recht behalten. Das Publikum bejubelte am Ende den Spaß mit Beifall und stehenden Ovationen.
Es darf gelacht werden über derbe Witze und krasse Kalauer, über herrlich clowneske Kostüme und schräge Charaktere und Knallchargen, über Liebesirrwege und dubiose Clan-Machenschaften. Und es darf mitgesungen und mitgeklatscht werden bei musikalischen Köstlichkeiten aus der Schlagerwelt von Annodazumal.
Herbert Knorrs Komödie nimmt Strukturwandel im Ruhrgebiet unter die Lupe
Aber der „Jupp“ gründelt tiefer. Herbert Knorr, erfolgreicher Krimi-Autor und Mitbegründer des internationalen Festivals „Mord am Hellweg“, nimmt vor allem den Strukturwandel im Ruhrgebiet unter die Lupe. Mit absurden und grotesken Verwirrspielen, mit großartigen Boulevard-Szenen, mit Identitätskrisen und Integrationsproblemen, mit kritischem Blick auf die Veränderungen liebgewonnener Traditionen und alter Strukturen. Ein pralles Themenpaket.
So trägt das Stück passenderweise den Untertitel „Die Emscherlandtransformation“. Uraufgeführt 2023 in Unna in der Regie von Wolfram Lenssen, peppte Theatermacher Thos Renneberg die Neuaufnahme noch mal auf mit aktuellen Sprüchen und politischen Bezügen. Die „Stiftung Schalker Markt“ förderte das Projekt ebenso wie die Emschergenossenschaft.
Die Bühnen-Bergbausiedlung Emscherland liegt mitten in Schalke-Nord und unterliegt dem klassischen Strukturwandel mit dem Aus für Kohle und Stahl. Für Martha Kowalski die Chance ihres Lebens. Auch sie will sich verändern, von der grauen Taube zum rosafarbenen Flamingo, von der braven Gattin zur lustigen Witwe. Dafür muss der Jupp wech, weil er noch immer die romantischen Bergbau-Traditionen pflegt, täglich die Seilscheibe wienert und ständig die Kacheln im Bad einsaut. Meint Martha.
Das großartige, souverän spielende und singende Ensemble nennt sich selbstironisch „Die Bekloppten“. Sandra Wickenburg zum Beispiel gibt die Martha frech und forsch, wenn sie nach einem Killer für den Jupp sucht. Caroline Keufen verkörpert Marthas Freundin Emmy, die den Jupp wegen zu geringer Entlohnung nicht abmurksen will („Für 50 Euro vergifte ich noch nicht mal nen Reichsbürger“). Und außerdem ist sie schwer verliebt in den Kumpel, den Angelo Enkhausen spielt. Und sonst: Mischen neben einigen anderen noch ein Hans Wurst mit, ein Dummer August und ein Clan-Chef, der die gemütliche Zechensiedlung in ein schickes Wohnquartier umwandeln will.
Musiktrio untermalt den Spaß auf der Gelsenkirchener Bühne gekonnt und punktgenau
Vom Bühnenrand begleitet das verrückte Treiben punktgenau das Musiktrio aus Anke Göntgen (Kontrabass), Ruthilde Holzenkamp (Akordeon) und Norbert Labatzki (Klarinette, Saxophon, Gitarre), zirzensisch gewandet in roten Uniformen. Die prächtige, fantasievolle Kostümierung und das Spiel der Akteure erinnern an die klassische italienische Commedia dell’Arte.
Am Ende, wenn sich alle Paare wieder liebhaben und Frieden versprechen, verrät Jupp, dass gar nicht er ständig die Fliesen wässert, sondern ein Rohr aus der Wand leckt.
Am Ende schmettern Ensemble und Publikum gemeinsam das Steiger-Lied
Dann darf es auch wieder wahre Pott-Romantik sein: Ensemble und Publikum schmettern gemeinsam „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“ …
Wer den „Jupp“ verpasst hat: Es gibt eine weitere Vorstellung am Freitag, 24. April, 19 Uhr, in der Heilig-Kreuz-Kirche. Karten: Stadt- und Touristinfo Hans-Sachs-Haus (Telefon 0209 1693968), Buchhandlung Kottmann am HKP und Nienhofstraße, Schloss Stolzenfels. Infos: www.emschertainment.de/veranstaltungen













































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